Weihnachtsgeschichte am 24.Dezember 2015

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    • Weihnachtsgeschichte am 24.Dezember 2015

      Das Christkind lächelt . . .

      Noch war es dem Jungen nicht abhanden gekommen. Spöttische Bemerkungen da und dort überhörte er geflissentlich, da er beschlossen hatte an der Existenz des Christkindes keinen Zweifel aufkommen zu lassen. Sogar gelegentliche und sehr seltsam anmutende Fragen seiner Eltern, ob er noch an das Christkind glauben würde, bejahte er mit er mit einer Überzeugungskraft die jede weitere Frage in dieser Richtung ausschloss.

      Es schien dem Jungen, als ob der Druck der Aussenwelt mit jedem Jahr welches verstrich, immer mehr zunehmen würde. Den abfälligen Bemerkungen Gleichaltriger begegnete er gelassen, ja sogar mit einem gewissen Charme innewohnender Weisheit. Es war dem Jungen keineswegs entgangen dass in seiner Familie, obwohl alles Nötige vorhanden zu sein schien, doch so etwas wie eine gewisse Ordnung und Mäßigung hinsichtlich verschiedener Begehrlichkeiten aller Mitglieder eingefordert wurde.

      Ganz anders verhielt es sich hingegen mit dem Christkind. Dem konnte man bedenkenlos seine Wünsche in`s Fenster stellen und noch nie, kein einziges Mal hatte er erlebt dass mit einem Retourbriefchen vom Christkind diesem befreienden Ausbruch von schriftlich niedergelegten Bestellungen eine harsche Abfuhr erteilte worden wäre.

      Zweifellos, darüber war sich der Junge im Klaren, war eine gewisse Vorsicht im Umgang mit dem Christkind geboten. Die Mondrakete, nur um ein Beispiel zu nennen, dürfte wahrscheinlich auch die himmlischen Werkstätten überfordert haben. Dabei wäre sie unübertroffen gewesen für den Fall schnell und weit genug abhauen zu müssen, falls mal aus unerklärlichen Gründen "dicke Luft" zu Hause herrschte. Der Haken an der Sache mochte aber auch nur an der etwas ungelenken Blockschrift gelegen haben, die zwar mit bunten Malstiften angefertigt die Wichtigkeit des Wunsches hervorhob, aber, und darüber war er sich im Klaren, nicht genau genug die Rakete zu beschreiben vermochte.

      Auch die beigefügte Zeichnung schien dem Christkind nicht ausreichend detailliert zu sein. Seufzend gestand sich der Junge ein, seine Schreibkunst noch verbessern zu müssen. Trotz alledem gab es zum Christkind keine befriedigende Alternative. Die Träume denen er sich hingab wenn er an dessen unbegrenzte Möglichkeiten dachte, entführten ihn einmal mehr in eine Welt ohne Beschränkung und ohne Zwang. All das sollte er aufgeben? Niemals!

      Auch diesmal war das Christkind sehr freundlich gewesen. Die Mondrakete stand zwar nicht vor dem Fenster und auch einige andere Dinge wie kratzende Wollstutzen waren nicht in der Wunschliste aufgeführt, aber der Christbaum berührte mit der Spitze die Decke. Ein absolutes MUSS - wie er dem Christkind nachdrücklich geschrieben hatte und auch reichlich behangen mit der über alles geliebten Windbäckerei. Die Likörfläschchen für die Erwachsenen waren deutlich weniger. Kein Wunder, dachte sich der Junge, wenn sie weiter so komisch über das Christkind reden, werden sie bald garkeine mehr am Baum vorfinden. Geschieht ihnen schon recht.

      Zu den Feiertagen strahlte die Sonne über einer Schneelandschaft und begehrte Einlass in das von Wohlgerüchen erfüllte Zimmer. Die Eltern hatten das Fenster weit geöffnet um der Freundlichkeit des Frühjahrsversprechens nicht im Wege zu stehen. Auf der Fensterbank stand das von dem Jungen betreute Vogelhäuschen, welches immer zahlreich besucht wurde.

      Als der Junge das Zimmer betrat staunte er nicht wenig. Der Christbaum war lebendig geworden. Die Zweige zitterten und die Silberkugeln hüpften vom An - und - Abfliegen der geflügelten Besucher. Kohl- und Tannenmeisen, Spatzen und sogar ein gewichtiger Kernbeisser flatterten und hüpften durch die Zweige und pickten mit großem Vergnügen in die Windbäckerei. Als sich die Tür weiter öffnete stob die ganze Bande wieder beim Fenster hinaus und eine Silberkugel kullerte sogar zu Boden.

      Zwei Spatzen aber hatten sich in der Richtung geirrt und flatterten nun ganz verzweifelt gegenüber dem Fenster, verhedderten sich in den Vorhängen und versuchten vergeblich zu entkommen. Der Junge musste lachen. Na wer klaut sollte sich sehr genau den Fluchtweg merken rief er den Spatzen zu, lief mit den Armen winkend in ihre Richtung um sie zum Fenster zu lenken. In ihrer Panik dauerte es eine Weile bis sie mehr durch Zufall als Geschick endlich die erlösende Öffnung fanden und laut zwitschernd das Weite suchten.

      Das war Weihnachten für meine fliegenden Freunde, dachte der Junge und bedauerte die Angst die sie vor ihm hatten. Warum sollte denn auch das Christkind nur für Menschen da sein, sinnierte er und beschloss sich ganz ruhig in eine Ecke zu setzen. Vielleicht kommen sie ja wieder und tatsächlich, es dauerte nicht lange bis sich wieder Bewegung vor dem Fenster zeigte. Es mag das Futterhäuschen gewesen sein, welches ihnen vertraut war. Aber wenn da drinnen sogar Bäume wachsen?

      Die Mutigsten waren wie immer die Kohlmeisen. Der Junge saß still und beobachtete nur. Sie hüpften auf`s Fensterbrett, wippten mit den Flügeln und sahen sich aufmerksam um. Dann flogen Zwei kurz durch das Zimmer und als ob sie Angst vor ihrem Mut hätten gleich wieder hinaus. Der Junge verhielt sich still und bewegte nur die Augen. Er war fasziniert von dem Schauspiel.

      Mit euch teile ich sehr gerne, dachte er und obwohl er normalerweise sehr quirlig war, blieb er still sitzen wie eine Statue. Er bewegte sich auch nicht als eine kleine Meise beschloss ihn näher zu inspizieren. Sie kam näher, hüpfte schließlich auf seinen Arm und blickte ihn wohl zwei Sekunden lang unverwandt an mit ihren kleinen schwarzen Augen. In diesen zwei Sekunden reifte die Freude zur Freundschaft und der Junge wollte mehr erfahren über das Geheimnis dieser dunklen Augen. Viel mehr. Er fühlte sich einen Moment lang selbst wie das Christkind als die kleine Schar sich erneut über die Windbäckerei hermachte.

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      Ja, mein ganz persönliches Christkind, lächelt der Mann mittleren Alters an seinem Schreibtisch und legt den Füller sorgsam zur Seite. Er sieht zu wie die Tinte langsam trocknet und ist in Gedanken mitten in der Vogelschar, die sich über seine Windbäckerei freut. Gut dass ich das auch zu Papier gebracht habe, denn meine Wünsche wurden erfüllt. Danke, sagt er leise und nimmt ein kleines gerahmtes Bild in die Hand. Es zeigt eine Kinderschrift in Blockbuchstaben, gerichtet an das Christkind und darunter noch gut erkennbar eine kleine Mondrakete.

      Die unberührte Landschaft die sich vor dem Fenster ausbreitet, strahlt Kraft und Ruhe aus. Geschlossene Bestände von Dost und Goldrute, stellenweise durchwuchert von wilden Brombeeren lassen keinen menschlichen Einfluss erkennen. Zum Waldrand hin, wo der Boden feuchter wird wetteifern Balsaminen mit Mädesüß, Gundelrebe und Blutweiderich. Mein ganz persönlicher Mond, flüstert er nachdenklich, ohne Zwang und Beschränkung. Einige Nistkästen an den Bäumen - den Ort habt ihr mir gezeigt meine Freunde. Er betrachtet das Manuskript zu seinem neuen Buch über einen schrulligen Vogelkundler, geschrieben mit klarer Handschrift in flüssigen, steilen Buchstaben. Ich übe noch immer daran meinen Schreibstil zu verbessern, versichert er in Gedanken seinem Christkind und denkt an die Wünsche die er niemals niedergeschrieben hatte, die aber dennoch erfüllt wurden.

      Es scheint als späche er mit dem kleinen Bildchen.

      Manchmal lässt sich das Christkind eben auch etwas Zeit schmunzelt er. Aber es vergisst meine Wünsche nie, solange ich selbst daran festhalte.

      LG Heinz
      je einfacher desto besser

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